Wachsende Ungleichheit in der Prosperität

Einkommensentwicklung 1984 bis 2015 in Deutschland

Gerhard Bosch und Thorsten Kalina

Zusammenfassung
Die Einkommensunterschiede in Deutschland haben in den letzten 20 Jahren stärker als in vielen anderen europäischen Ländern zugenommen. Vor allem seit Mitte der 90er Jahre bis 2005, also noch vor den Hartz-Gesetzen, nahm die Ungleichheit zu. Trotz des starken Beschäftigungsaufschwungs seit 2004 mit einer Zunahme der Zahl der Beschäftigten um 4,6 Millionen Personen kam dieser Prozess nicht zum Stillstand. Die vorliegende Studie untersucht anhand aktueller Daten des SOEP bis 2015 die Entwicklung der individuellen Stundenlöhne, der Haushaltseinkommen vor und nach Umverteilung sowie die Ursachen der steigenden Einkommensungleichheit.

Den wichtigsten Grund für die Ausdifferenzierung der Markteinkommen sehen die Autoren in der abnehmenden Tarifbindung, die überhaupt erst die Entstehung eines großen Niedriglohnsektors in Deutschland möglich gemacht hat. Entscheidend dafür waren die abnehmende Verhandlungsmacht der Gewerkschaften nach der Wiedervereinigung, die wachsenden Chancen von Unternehmen, aus Tarifverträgen auszuscheren, die zunehmende Auslagerung von Tätigkeiten in nicht tarifgebundene Unternehmen oder auf nicht an deutsche Tarife gebundene Werkvertragnehmer vor allem aus Osteuropa wie auch die Produktmarktderegulierungen der EU in den 90er Jahren.

Die verteilungspolitische Wende in Deutschland, die seit Anfang 2000 zu einer Absenkung der progressiven Einkommenssteuer, einer Anhebung der indirekten, regressiv wirkenden Steuern und einer Absenkung von Sozialleistungen geführt hat, ist ein weiterer wichtiger Erklärungsfaktor für die wachsende Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen.

Allerdings wurde die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich nicht einfach hingenommen. Erfolgreiche politische Kampagnen für den Ausbau des Sozialstaats, wie u.a. die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, stabilisierten den Lebensstandard der Mittelschicht. Dies ermutigt und zeigt, dass zunehmende Ungleichheit kein Naturgesetz ist, sondern auch wirkungsvoll wieder eingedämmt werden kann.