Integration durch Bildung: Die Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge als Querschnittsaufgabe

Zwischenbericht zum Projekt „Kooperation von Akteuren vorbeugender Sozialpolitik. Eine Analyse am Beispiel der Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge“

Karola Köhling und Sybille Stöbe-Blossey unter Mitarbeit von Philipp Hackstein und Iris Nieding

Zusammenfassung

Vorbeugende Sozialpolitik soll Teilhabe und Chancengleichheit fördern. Dabei werden sozialpolitische Leistungen als gesellschaftliche Investition betrachtet, die dazu beiträgt, individuelle Potenziale besser auszuschöpfen und damit einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu generieren. Neben den klassischen kollektivzentral strukturierten Strategien der Bearbeitung sozialer Risiken gewinnen dezentrale Netzwerkstrukturen einen steigenden Stellenwert. Darüber hinaus erweitert der präventive Ansatz die Strategie der Sozialpolitik über die durch die Sozialgesetzbücher strukturierten sozialpolitischen Politikfelder hinaus: Bildung stellt einen Schlüsselfaktor dar, der Armut und Exklusion entgegenwirkt und für das Individuum Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben und soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe schafft. Mit dem Ansatz vorbeugender Sozialpolitik ist also die Formulierung einer Querschnittsaufgabe verbunden, die Lösungsbeiträge aus unterschiedlichen Politikfeldern erfordert. Die Kooperation verschiedener Akteure stellt somit ein wesentliches Element vorbeugender Sozialpolitik dar.

Die Querschnittsaufgaben treffen jedoch auf eine Realität, die durch eine Versäulung der Systeme gekennzeichnet ist. Um diese Versäulung aufzubrechen, werden immer wieder die (dezentrale) Vernetzung von Akteuren und die Stärkung von Kooperation gefordert. Oft geht es bei den Vernetzungsstrategien darum, die Adressat/inn/en sozialpolitischer Programme über Regelinstitutionen (Kindertageseinrichtungen, Schulen) zu erreichen und niederschwellige Zugänge zu ermöglichen. In einigen Programmen werden Koordinierungsstellen als unterstützende Struktur eingerichtet. Diese können ihre Funktion jedoch nur dann effektiv erfüllen, wenn die Akteure in den Regelinstitutionen die Kooperationsimpulse aufgreifen und in ihrer Arbeit umsetzen. Die Fachkräfte der Regelinstitutionen wiederum benötigen Unterstützung bei der Bewältigung komplexer Herausforderungen, um die ihnen in der vorbeugenden Sozialpolitik zugedachten Funktionen wahrnehmen zu können.

Vielfach bleibt der Erfolg von Vernetzungsstrategien jedoch hinter den Erwartungen zurück. Die Kooperation scheitert oft auf der Arbeitsebene, weil das Handeln der Fachkräfte durch unterschiedliche professionelle Hintergründe, Handlungslogiken, organisationale Rahmenbedingungen und gesetzliche Grundlagen geprägt ist. Deshalb müssen die Perspektiven und Unterstützungsbedarfe der beteiligten Mitarbeiter/innen berücksichtigt werden, damit Vernetzungsstrategien auf der Arbeitsebene implementiert und zum Erfolg geführt werden können.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen in dem vom Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW, Düsseldorf) geförderten Projekt „Kooperation von Akteuren vorbeugender Sozialpolitik: Eine Analyse am Beispiel der Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge“ (kurz: KAS-Studie) das Ziel, Erkenntnisse über Koordinationsmechanismen zu erarbeiten und Gelingens- und Engpassfaktoren für Kooperation zu identifizieren.

Durch die exemplarische Analyse der Kooperation zwischen Akteuren bei der Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge generiert die Studie Handlungswissen darüber, wie die Akteure bei der Wahrnehmung dieser Querschnittsaufgabe agieren und wie sie unterstützt werden können. Im Hinblick auf die Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge werden empirische Befunde über Probleme erhoben und mögliche Lösungsansätze diskutiert. Die empirischen Untersuchungen beziehen sich dabei auf das Land Nordrhein-Westfalen. Über ein Transferkonzept, das Instrumente zur Förderung von Kooperation enthalten wird, soll die Nachhaltigkeit gesichert werden.

Der vorliegende Forschungsbericht stellt erste Ergebnisse der KAS-Studie vor. Im Folgenden erfolgt zunächst eine kurze Darstellung des Forschungsdesigns (1). Ausgehend davon, dass vorbeugende Sozialpolitik die Formulierung von Querschnittsaufgaben impliziert, wird anschließend zunächst auf die Problematik politikfeldübergreifender Kooperation eingegangen und darauf aufbauend ein Analyserahmen entwickelt (2). Anschließend werden wichtige Strukturen und Entwicklungen einerseits in der Bildungspolitik (3), andererseits in der Integrationspolitik (4) beschrieben, um den inhaltlichen Kontext zu klären, in dem Konzepte der Berufsorientierung für jugendliche Flüchtlinge erarbeitet und umgesetzt werden. Danach werden die Strukturen der Politikfelder analysiert, die für die Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge von besonderer Relevanz sind, und unter Rückgriff auf den entwickelten Analyserahmen nach den Herausforderungen gefragt, die sich aus diesen Strukturen für die politikfeldübergreifende Kooperation ergeben (5). Schließlich werden erste Ergebnisse der empirischen Erhebungen vorgestellt, wobei zunächst auf kommunale Strukturen (6) und anschließend auf die Situation jugendlicher Flüchtlinge im Bildungssystem eingegangen wird (7). Auf der Grundlage dieser Zwischenergebnisse werden erste und somit vorläufige Schlussfolgerungen sowie Fragen für die weitere Arbeit abgeleitet.

Der Bericht reflektiert den Stand der Arbeiten zum Ende der ersten Projektphase im März 2017. Die Darstellung von Ergebnissen und Schlussfolgerungen hat somit einen vorläufigen Charakter und soll zur Diskussion einladen.