Alterserwerbsarrangements, Alterserwerbskulturen und Alterserwerbstätigkeit in Europa. Einstellungen, Muster und Handlungsmöglichkeiten im internationalen Vergleich. (Alterskulturen)

Ziel und Aufgabenstellung

Die 2010 in Frankreich zu beobachtenden Proteste und Demonstrationen gegen eine Erhöhung des Renteneintrittsalters und der in Deutschland anhaltende Widerstand gegen die „Rente mit 67“ zeigen deutlich, wie umstritten die Frage nach dem idealen Zeitpunkt für den permanenten Renteneintritt sein kann. Während in der politischen Debatte vielfach die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als einzige Möglichkeit zur Bewältigung der mit dem demographischen Wandel einhergehenden ökonomischen und sozialen Probleme angesehen wird, scheinen in der Bevölkerung immer noch Einstellungsmuster zu dominieren, wonach eine Erwerbstätigkeit bis weit in das sechste Lebensjahrzehnt hinein abgelehnt wird.

Das Forschungsprojekt „„Altersarrangements, Alterserwerbskulturen und Alterserwerbstätigkeit in Europa“ nimmt diese offensichtlich bestehende Diskrepanz zwischen der politisch oftmals als Notwendigkeit vorgegebenen ökonomischen Rationalität und den kulturellen Norm- und Wertvorstellungen hinsichtlich des Altersübergangs als Ausgangspunkt und fragt danach, inwieweit das Altersübergangsverhalten in verschiedenen europäischen Ländern nicht allein institutionell und ökonomisch gesteuert ist, sondern gleichsam auch kulturell überformt wird.

Vorgehensweise

Im Rahmen des Projektes werden quantitative empirische Auswertungen international harmonisierter Datensätze (European Social Survey (ESS); European Labour Force Survey (ELFS)) (Teilprojekt 1) mit der Analyse der politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen in Hinblick auf den Altersübergang kombiniert (Teilprojekt 2). Im zweiten Teilprojekt sind als Vergleichsländer Großbritannien, Norwegen  und Polen vorgesehen.

Die quantitativen Analysen in Teilprojekt 1 konzentrieren sich im Wesentlichen auf die folgenden Themenkomplexe:

  1. Die soziodemographische und sozioökonomische Struktur der Alterserwerbstätigkeit in Europa
  2. Die subjektiven Wert- und Normvorstellungen hinsichtlich einer Erwerbstätigkeit im Alter und die individuellen Einstellungen zum idealen Renteneintrittsalter sowie zur altersbedingten Begrenzung der Erwerbstätigkeit. Die Auswertung dieses Sets an kulturellen Variablen erfolgt jeweils sowohl getrennt nach Männern und Frauen, als auch für beide Geschlechter insgesamt.
  3. Das in den europäischen Ländern vorherrschende Ausmaß an Altersdiskriminierung
  4. Die in den einzelnen europäischen Ländern quantitativ identifizierbaren Altersstereotype, wobei der Schwerpunkt auf arbeitsmarktbezogenen Altersstereotypen liegt. 

Für die Analyse der relevanten institutionellen Themenfelder in Teilprojekt 2 werden einschlägige wissenschaftliche Literaturquellen sowie politische Dokumente und Gesetzestexte ausgewertet. Dabei ist die Analyse nicht auf die direkt mit dem Altersübergang in Bezug stehenden Regelungsbereiche, wie den Arbeitsmarkt und das Rentenrecht limitiert, sondern erstreckt sich auch auf weitere institutionelle Felder, die einen strukturierenden Einfluss auf die Kontextbedingungen des Altersübergangs ausüben könnten. Zu untersuchen wäre hier beispielsweise der Einfluss familiärer Kinderbetreuungsverpflichtungen (aufgrund des Fehlens einer adäquaten staatlichen Infrastruktur) auf den Altersübergang von älteren Frauen.

Da für eine Einordnung und Bewertung der Befunde eine Interpretation auf Basis fundierter Kenntnisse der länderspezifischen politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen erforderlich ist, werden für die drei Vergleichsländer nationale Experten mit einschlägiger Forschungserfahrung in das Projektvorhaben eingebunden.

Zusammenfassend sollen mit dem Projektvorhaben Informationen über Variationen der Sozialstaatsgestaltung hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung Älterer, des Altersübergangs und der sozialen Absicherung im Alter mit entsprechenden Informationen über individuelle Einstellungen, kulturelle Normen und Werteverknüpft werden. Damit ist eine Synthese von bislang weitgehend unverbundenen Forschungszweigen angestrebt. Zum einen wird die Analyse institutionellen Arrangements mit einer kulturellen Dimension des Altersübergangs verbunden. Zum anderen erhoffen wir uns dadurch tiefere Einsichten hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen institutionellen Anreizstrukturen einerseits und kulturell geprägten Normen und Überzeugungen andererseits. Dies könnte nicht nur helfen, Phänomene hinsichtlich des Übergangs in den Ruhestand besser zu verstehen. Wir erhoffen uns darüber hinaus grundsätzlich mehr Klarheit hinsichtlich des komplexen Zusammenspiels zwischen Institutionen, Kultur und individuellen Lebensverläufen.

Das Projekt ist eine Kooperationsprojekt zwischen dem IAQ und dem Lehrstuhl „Soziologie  des Sozialstaats“ (Prof. Dr. Gerhard Bäcker) des Instituts für Soziologie der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.

 

Publikationen zum Projekt



Jansen, Andreas, 2018: Work–retirement cultures: a further piece of the puzzle to explain differences in the labour market participation of older people in Europe? In: Ageing & Society 38 (8), pp. 1527-1555
Weitere Informationen

Jansen, Andreas, 2013: Altersübergangskulturen in Europa: der Einfluss kulturell geprägter Normen und kultureller Werte auf die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen in Europa. Duisburg, Essen: Univ. Duisburg-Essen, Diss.
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Jansen, Andreas, 2013: Kulturelle Muster des Altersübergangs: Der Einfluss kultureller Werte und Normen auf die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen in Europa. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 65 (2), S. 223-251
Weitere Informationen

Jansen, Andreas / Bäcker, Gerhard / Erlinghagen, Marcel , 2013: Altersübergangskulturen in Europa. In: Deutsche Rentenversicherung 68 (3), S. 273-296

Jansen, Andreas, 2011: Alterserwerbskulturen und Alterserwerbstätigkeit in Europa. In: Marie-Luise und Ernst Becker Stiftung: Alter und Arbeit im Fokus - neueste Aspekte zur Motivation älterer Arbeitnehmer und Zusammenarbeit von Forschung und Praxis. Dokumentation der Tagung am 06. und 07. April 2011 im Gustav Heinemann Haus in Bonn. Köln: S. 37-51
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Vorträge

14.07.2016
Dr. Andreas Jansen: Country-specific Work-Retirement-Cultures: a normative barrier for raising the standard retirement age?
3rd International ESS Conference, University of Lausanne.

04.09.2013
Dr. Andreas Jansen: Work/retirement cultures: A normative pattern to explain the differences in the labour market participation of older people in Europe?
Work, Employment and Society Conference 2013. University of Warwick, Coventry [GB], British Sociological Association (BSA).

02.10.2012
Dr. Andreas Jansen: Kulturelle Muster des Altersübergangs: Der Einfluss gesellschaftlicher Normen und Werte auf die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen in Europa.
36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie; Sektion Alter(n) und Gesellschaft. Ruhr-Universität Bochum / Technischen Universität Dortmund, DGS.

19.05.2011
Dr. Andreas Jansen: Alterserwerbskulturen in Europa.
„Alterserwerbstätigkeit und Arbeitsmarktintegration Älterer in Hamburg und Europa“. Abschlusstagung des INTERREG Projektes DC NOISE: Demographic Change: New Opportunities In Shrinking Europe, Demografie-Plattform Hamburg.
Weitere Informationen

08.04.2011
Dr. Andreas Jansen: The labour market participation of older people – does culture matter?
BSA Annual Conference 2011. GB, London School of Economics, The British Sociological Association .

06.04.2011
Dr. Andreas Jansen: Alterserwerbskulturen und Alterserwerbstätigkeit in Europa.
"Alter und Arbeit im Fokus - neueste Aspekte zur Motivation älterer Arbeitnehmer und Zusammenarbeit von Forschung und Praxis". Bonn, Gustav Heinemann Haus, 5. Tagung der Marie-Luise und Ernst Becker Stiftung.